Larpforschung: Die Darstellung von Larp in den Medien

Die Darstellung von Larp in den Medien wird von Teilen der Szene mit Sorge betrachtet. Wie ich bereits im April ’12 geschrieben habe, ist es es viel seltener der Fall, dass der Nicht-Larper das Hobby mit Stereotypen betrachtet, wie man es denken würde. Die Medienpanik der 80iger und 90iger Jahre scheint so etwas wie eine ‘Gebranntes Kind’ Einstellung bei manchen Larpern, die ich gesprochen habe, verursacht zu haben. Ungeachtet der Emotionen bedarf allein die Idee Larp mit Satanismus oder asozialem Verhalten zu verbinden eines gewissen Humors oder einer rückständigen Auffassung von menschlichem Verhalten.

Die schlecht produzierte Mär von Larpern, Satanisten und Faschisten

Die Medienpanik, die im Bereich der Computerspiele gemäßigt aber präsent geworden ist, treibt Vorwürfe voran, die haltlos sind. Panik blockiert die Chance ein Larp zu kontroversen Themen wie Satanismus oder zu Sozialschwäche zu veranstalten. Vielen ist nicht bewusst, dass vielleicht ein Larp zu der Medienpanik selbst eine Parodie wäre, die das Stereotyp entkräftet. Darüber hinaus kann Larp, wie das Jeepform Spielformat zeigt, ein Werkzeug sein um problematische Szenarien in sicherem Rahmen zu durchleben.

Folgen wir den Ergebnissen des finnischen Larpforschers Markus Montola in seinem Artikel The positive negative experience in extreme role-playing so bedeutet nicht, dass psychologisch extreme Szenen, wie Folter und Mobbing, vom Spieler, der die Opferrolle wählt (!) negativ sein müssen. Vielmehr berichten Interviews mit Spielern von schwierigen aber gleichzeitig positiv bereichernden Erlebnissen. Spielerinnen berichten von mehr Empathie durch das Spielen einer Kriegssituation im familiären Umfeld.

Link zu diesem Artikel siehe weiter unten.

Wegen den angeführten Möglichkeiten sollten reißerische Titel wie “Nazi, Elf, Sniper, Orc: The Faces of Danish Larp” (21.07.2012) nicht schockieren. Das Weißrussische preisgekrönte Larp ‘The Police – 1942’ zeigt wie vielschichtig die Schicksale sein können von (Zwangs)Mitgliedern eines faschistischen Systems. Dadurch wird ein tieferes Verständnis von Faschismus und Rassismus möglich als das Anschauen einer populärwissenschaftlichen Dokumentation von Guido Knopp. Hierzu muss man sagen, dass der der zeitliche Aufwand viel größer ist, da zusätzlich zu den ungefähr 2,5 stündigem Spiel mitsamt Einführung und Charaktererschaffung oft verlängert wird um eine stundenlange Feedbackrunde, das als ‘Debriefing’ Werkzeug bei Jeepform Larps eine Möglichkeit gibt über Schwierigkeiten während des Spiels zu sprechen und Fragen zu beantworten. Der Artikel “Nazi, Elf, Sniper, Orc” dagegen nennt Rollen, die schockieren sollen, meistens kaum genutzt werden. Zu kritisieren sei daher, dass Larp unglücklicherweise nicht ausreichend kontroverse Themen behandelt. Die meisten Veranstaltungen sind Wiederholungen eines Schemas, das umsetzbar für Hobby-Vereine ist, die angewiesen sind auf eine ausreichend große Interessengruppe. Fantasy-Wochenend-Cons sind ein Format, das sofern nicht alles schief geht von einer Gruppe an Veranstaltungsamateuren durchgeführt werden kann. Dass Larp mittlerweile eine Professionalisierung erfahren hat mit Organisatoren, die seit Jahrzehnten Veranstaltungen planen und den ersten kommerziellen Veranstaltern, scheint jedoch auch nicht das Spektrum von Larps zu erweitern.

Das Grundprinzip von Larp erlaubt das Spiel mit imaginären und realen Materialien. Larp kann mit angepasstem Regelwerk sowohl fantastische Traumwelten in der Realität materialisieren, als auch unangenehme aber wichtige Themen neu und durchdringend vermitteln.

Eines sei noch anzumerken, bevor eine mögliche Gefahr vorgestellt wird. In der Presse tauchen zeitweise wenig recherchierte Beiträge über Larp oder Polemiken, wie die unten verlinkte SpiegelOnline Kolumne. Aus einer polemischen Perspektive haben diese Verunglimpfungen eine Berechtigung und es wäre traurig, wenn man als Betroffener nicht darüber lachen könnte. In einer Zeit in der über Larp adäquatere Berichte gesendet werden (Die Herren der Spiele im Bayrischen Rundfunk) sind solche Beiträge eine Ausnahme und werden ausgestochen von positiven Beiträgen , die das Hobby richtig, wenn auch limitiert, darstellen.

“Ich will Spaß!”

Bauchschmerzen sollten dagegen Formate wie das folgende Online Video bereiten:

Zunächst sei eingeräumt, dass das eine gut produzierte Sendung ist. Journalistisch als Spaß-Veranstaltung aufbereitet wird sie sicherlich mehr Betrachter anziehen als “Was ist Larp” Werbebroschüren von Kidslarp-Anbietern. Was mich an dieser Sendung stört ist es das Larp-Grundprinzip als knuffiges Jugendcamp für Junggebliebene darzustellen. Von der Musik, zu den Interviews und der Darstellung von Rollenspiel folgt die Sendung durchgehend den Designprinzipien einer Entertainment Sendung für Kinder, vergleichbar mit dem ARD DisneyClub in den 90igern. Eine Assoziation zu einem NDW Popsong ist zwar sehr weit hergeholt, aber es ist ein passender Vergleich, um zu zeigen wie eine andere Gegenströmung, nämlich zur Schlagermusik der 80iger, kommerzialisiert und überproduziert wurde. Das hier gezeigte Rollenmodell kostet den Verstand, leider nicht aufgrund eines Kosmischen Grauens*:

Es ist auf den ersten Blick nicht ersichtlich, was diese Produktion ausmacht: die hier proklamierte Infantilität oder schlichtweg die Idee amerikanischen Pop 1:1 zu klonen, ohne fähig zu sein dem Format etwas eigenständiges hinzuzugeben. Man denke an bessere Beispiele der NDW wie Falco, der das amerikanische Idol zitiert aber ironisch bricht (siehe besonders Der Kommissar) oder das Projekt Deutsch-Amerikanische-Freundschaft, das Zähne zeigt.

Fazit ist, dass aus dem hier dargestellten Verständnis von Larp als Tätigkeit, die Raum schafft um kontroverse und unterhaltsame Situationen zu erleben, besser ist als die Darstellung von Larp als reinen Gewandungspaß, der nur Raum für unterhaltsame Situationen bietet. Es ist Zeit mehr innovative Larps in Deutschland zu veranstalten.

Dies war der fünfte Beitrag in der Rubrik Larpforschung. In den nächsten drei Wochen wird es montags einen neuen Beitrag geben.

Referenzen

Disclaimer: Ich distanziere mich vor jeglicher Unterstellung Larp als Mittel zu sehen verfassungswidrige Themen zu propagieren. Diese Aussage in diesem Artikel zu lesen ist mutwillige Fehldeutung dieses Blogeintrags.

* Der Kosmische Grauen ist die genauere Bezeichnung für das Genre, das H.P. Lovecraft gegründet hat. Die Bezeichnung Cthulhu-Mythos geht zurück auf die Versuche des Verlegers August Derleth Lovecraft mit Schlagworten verkaufen zu wollen. Dem ist nicht viel entgegenzusetzen, jedoch zeigte Derleth eine ähnliche Tendenz wie Markus eine Gegenströmung zu kastrieren. Es bleibt die Frage, ob auch Larpen durch ähnliche Amateure degeneriert.

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4 thoughts on “Larpforschung: Die Darstellung von Larp in den Medien

  1. Einen guten Beitrag, der sogar wörtlich mit “Verführen Fantasy-Rollenspiele und Comuter-Games zu Magie und Okkultismus?” übertitelt ist, gab es bereits 2002. http://www.gwup.org/component/content/article/88-okkultismus/762-verfuehren-fantasy-rollenspiele-und-computer-games-zu-magie-und-okkultismus
    Auch hier wird die Position eingenommen, wie gut man im Larp “ausprobieren” kann, ohne dass es über das Spiel hinaus Konsequenzen hat.

    Zu Achilles möchte ich anmerken, dass ich da nicht mehr als eine ironische Überspitzung hineinlese.
    Ich kenne beide Seiten, sowohl die, als Sportlerin im öffentlichen Raum auf Rollenspieler zu treffen als auch die, mit als Orks verkleideten in einem “echten Laden” einkaufen zu gehen. Und in ersterer “Rolle” kann es wirklich zu Schreckmomenten führen, wenn plötzlich ein LARPer in Vollmontur vor einem steht. Insofern ist das Unverständnis des Außenstehenden für mich nachvollziehbar und ob er schlecht recherchiert ist, möchte ich nicht unterstellen.

    LG Diana

  2. Ich unterstütze jederzeit eine Weiterentwicklung im LARP.
    Gemäß eines Freundes appeliere ich allerdings auch an den Spaß:
    Meiner Erfahrung nach erlebe ich oft das Problem des “Übers Ziel hinausschießens”. Wenn die eigene Immersion dann am zu hohen Gewandungsstandart hängenbleibt, weil man sich selbst antrainiert hat darauf zu achten, ob die Latexöhrchen nachgeschminkt wurden oder nicht.
    Hier zunächst einmal die “Ode an den Spaß” von obig erwähntem Freund:
    Ode an den Spaß

    Beitragvon Tobi (Trancas) » Mittwoch 6. Juni 2012, 17:07
    Appell an die Vernunft und den Freigeist
    -um des Kerns des Rollenspiel-Pudels Willen –

    Liebes Publikum,

    Euere Heterogenität ist Euch durchaus an der Nase abzulesen. Der Beispielhaftigkeit halber mag ich ein paar Wenige unter euch dennoch kurz im Ansatz charakterisieren: Als da wären derjenige, der diesen Post gar nicht liest – nicht weil er nicht will, sondern weil er nicht oder nur seltenst im Forum ist, dann haben wir hier den versierten Schreiber und LARPer mit Herz – einem Herz für das Rollenspiel. Hinzu kommen verschiedenste Mischformen aus Einfach-nur-was-sagen-wollern und Was-wirklich-zu-sagen-habern mit den unterschiedlichsten Meinungen zu dem so genial wie auch breit gefächerten Hobby, welches wir alle teilen.
    Warum sind wir solch ein bunter Haufen? – Warum nicht? Denn ist es nicht überaus interessanter, sich auszuprobieren in einem Rahmen, der nicht wirklich existiert, als stumpf eine vorgefertigte Form auszufüllen? Die dargestellte Figuren- und Formenvielfalt innerhalb des Konglomerats “Grabfelder Pakt” sucht Seinesgleichen! Darauf darf ein jeder Paktler stolz sein und sich ermutigt fühlen, weiter aktiv in diverseste Spielkonzepte hineinzuarbeiten. Im Gegensatz zu den meisten Spielergruppen mit einem gemeinsamen Farbcode oder einer – zumindest den neueren Mitgliedern, welche nicht mehr die Möglichkeit hatten, sich am Konzeptentwurf zu beteiligen – aufoktroyierten Ideologie sind unsere äußeren Gemeinsamkeiten eher als marginal zu bezeichnen. Bei uns ist der Weg das Ziel – Unsere andauernden Diskussionen über IT-Interna stellen einen nie endenden „Entstehungsprozess“ dar, bei dem wirklich jeder etwas sagen darf und auch kann. Das tut gut, hält den Denkapparat fit, kostet aber auch Nerven!
    Warum sind wir nicht überall, oder besser eigentlich niemals einer einzigen Meinung? Hier kommt wieder unsere offene Form ins Spiel: Nicht nur in der Darstellung variiert der Pakt wie eine gereizte Amöbe; auch der Mensch hinter seiner Rolle im Spiel ist ein Individuum mit eigenen Vorstellungen und Überzeugungen. Manch einer lässt sich da vom dem mehr als bedingten „Vorbild“ Geschichte leiten, ein Anderer vom Abenteurer aus einschlägigen digitalen Rollenspielen. LARP stellt einen Schmelztiegel all dieser Vorstellungen dar, gepaart mit einerseits dem Rahmen der eigenen Möglichkeiten und andererseits den Möglichkeiten der gegenwärtigen Bequemlichkeit. Was ist also richtig? Ich würde auf diese Antwort nicht antworten wollen, denn alles kann – nichts muss!
    Und doch sind wir alle Rollenspieler. Im Herzen sind wir eine Einheit! Wir stellen uns regelmäßig der Herausforderung der gepflegten Realitätsflucht – Es soll sogar der Fall sein, dass für Einige der umgekehrte Schritt den schwierigeren darstellt. Doch das ist eine andere Geschichte. Wir sind Spieler! In einem kollektiv erdachten Spiel. Spiel! Mit Realität hat das normalerweise nicht viel zu tun und gerade beim Fantasy-LARP soll es das ja gar nicht, denn Fantasy ist nicht ein festes Genre oder gar Universum aus spitzen Elbenohren und stumpfen Orkfüßen, sondern der Kreativbereich unserer Gedanken ausgedrückt entweder auf dem Papier, dem Spielbrett oder eben dem Congelände. In Form von Scaven, Trollen, Spinnenwesen und deren erdachter Lebens- und Leidensgeschichten.
    Habe ich nun also dir, meinem geschätzten Leser so weit das Herz zerrissen und dann aus selbigem gesprochen, hier die ultimative Schlussfolgerung, der ungebremste Ausfluss der Epiphanie des Notwendigen, das coeur de caniche: Ich will keine bescheuerten fiktiven Regeln und Normen in meinem SPIEL! Ich will keine Umrechnungstabellen für Münzwerte, ich will keine Diskussionen über Geschichtliches und Gewesenes! Ich will keine Spinnereien über OT-Magie. Und zur gultheißen Hölle: Ich will kein einziges Mal das Wort AUTHENTISCH hören!

    Ich will Spaß haben.”

    Worauf ich also hiermit denkanstoßen möchte, ist folgendes:
    erkennbar sind entstehende und entstandene strömungen im bereich LARP
    ist es also notwendig zukünftig den Begriff des LARP mehr zu differenzieren?
    zu unterscheiden zwischen E-LARP und U-LARP (gemäß kategorisierung in der musik)
    sozusagen Bildungs-LARP (da zähl ich jetzt mehr oder weniger edu-larp dazu) und ELARP (entertaining live action role play)?
    wie gesagt:
    strömungen von LARPs, die sich selbst betiteln oder erklären müssen mit:
    Edu-LARP, oder “unsere Con versucht ein back-to-the-roots” usw. sprechen fast dafür…

    1. Hallo Zulaki,

      danke fuer deine Denkanstoesse. Die Frage besteht nicht ob man differenzieren kann oder soll sondern wer differenzieren will. Die Sinnhaftigkeit einer Ausdifferenzierung ist eine Frage, die unabhaengig von Larp gestellt werden kann. Was dem Hobby genuin ist ist jedoch der Moment in dem wir uns als Larper befinden. Ein Hobby mit einer ausgepraegten Kultur entwickelt jetzt in Deutschland neue Unterformen und bietet Anknuepfungspunkte verschiedene Beduerfnisse zu befriedigen und zu generieren. Ob Spass oder kein Spass waere eine Frage, die man sich vor dem Anmelden einer Con stellen sollte. Mich als Forscher interessiert es was Larp mit der Motivation nach Spass (oder auch nicht) anstellt. Welchen Einfluss hat Larp beim Spielen auf das Streben nach Hedonismus, Bildung, Erziehung, Urlaub, Erlebnis? Publikumsreden, wie das von deinem Freund, kann ich nicht unterschreiben, da ich prinzipiell an allen Auspraegungen interessiert bin. Die Frage ob eine Abgrenzung oder Erweiterung der Interessen stattfinden soll oder nicht (oder vielleicht laengst von Anfang an das Hobby in seiner Vielfalt getragen hat) stellt sich mir nicht. Kategorien wie E-Larp oder U-Larp wuerden mir persoehnlich als Larper jedoch helfen meine Planung zu koordinieren. Ob eine gemeinsame Sprache bzw. ein allgemein anerkannter Katalog an Subgenres von Larp sich durchsetzen wird, ist fraglich, da das Hobby sich trotz Internet relativ dezentralisiert in einem subkulturellen Stadium befindet. Vieles ist im Fluss. Schoenen Gruss, Rafael. P.S.: eine Quellenangabe zu dem Text deines Freundes wuerde mein Archivar-Herz freuen.

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