Larpforschung: Kann Larp sozialkritisch sein?

Wie vorletzte Woche in dieser Reihe geschrieben, ist meiner Meinung nach (!) das Image von Larp als Gewandungsspaß problematischer als reißerische Vergleiche. Daher stellt sich die Frage, ob es möglich ist im Liverollenspiel sozialkritisch zu werden?

Angeregt von einer Diskussion im Larper.ning, der größten deutschen Social Networking Site zu Larp, habe ich mir die Titelfrage gestellt. Für mich als typischen deutschen Larper war es vor einigen Jahren befremdlich von Larps zu lesen, die kontroverse Themen behandeln, wie zum Beispiel Kriegsgräuel in der jüngsten Geschichte (1942 – The Police), und zeitgenössische Themen, wie Migrantensituation in Europa (Dublin2). Nachdem ich internationale Plotbücher gelesen habe und die Unterschiede deutlicher wurden, war es zunächst unangenehm einzugestehen, dass das harmlose Nischenhobby eingesetzt werden kann, um mehr zu erleben als die bekannten Genres. Wenn man den Knutepunktbüchern Glauben schenkt, ist diese Einsicht in den nordischen Ländern Europas vor mehr als fünf Jahren gekommen (siehe diesen Beitrag). zu lesen. Larp ist nicht gebunden an ein Genre. In Deutschland werden zahlreiche Genres regelmäßig bespielt : Fantasy, SF, Horror, Steampunk, Gaslight, 1920, Postapokalypse. Was alle gemeinsam haben, habe ich mir als Ziel gesetzt herauszufinden. Es geht mir nicht, meine Meinung in den Vordergrund zu stellen sondern Gesprächsstoff zu liefern und Wissen (auch über Grenzen) zu vermitteln.

Ein Beispiel, dass zum Nachdenken über das eigene Larp in mir angeregt hat, ist Dublin2. Es ist ein finnisches Pervasive Game/Alternate Reality/Stadt-Larp, in der eine Immigrantenzeltstadt mitten in Helsinki oder Stockholm aufgebaut wird. Die Spieler übernehmen Rollen von osteuropäischen oder arabischen Immigranten oder Journalisten, während Passanten und Bewohner umliegender Häuser die Rolle von passiven Zuschauern wählen, wobei berichtet wurde, dass zahlreiche Nicht-Mit-Larpenden ‘mitgespielt’ haben für eine Minute, Stunde, manchmal auch Tage (auch bei AmerikA, 2000, Oslo). Eine solche Situation auf einem Feld-und-Wiesen-Fantasy-Con in Deutschland? Undenkbar? Wahrscheinlich ja, auf alle Fälle wäre eine Interaktion mit Joggern, Hundebesitzern und echten Journalisten, wie es in Dublin2 passierte, unerwünscht.

Was zeigt dieses Beispiel, als dass man tatsächlich kritisch eingestellt sein sollte zu der Idee, dass Larp sozialkritisch sein kann. Wenn Larps weiterhin nach traditionellen Regelwerken (Dragonsys, That’s Larp, etc.) und Vorstellungen durchgeführt werden, ist dort kein Platz für sozialkritische und zeitgenössische Themen. Während meines Vortrags auf der RPC 2012 hat sich aus den Reaktionen des Publikums (und bei fortgesetzten Diskussionen) eine Antwort herauskristallisiert, die viele vertreten: “Ich mache Fantasylarp um Urlaub zu machen –  was will ich mit Mobbing, häuslicher Gewalt, Feminismus und LGBT auf einer Con?” Ich will damit nicht allen Larpern eine solche Aussage in den Mund legen, aber bisher war der Anteil derjenigen, die interessiert waren, klein. Vielleicht bleibt alles beim Gleichen und es wird keine sozialkritischen Larps in Deutschland geben.

Ich vertrete die Meinung, dass jeder in seiner Freizeit das ausleben soll, was er im gesetzlichen Rahmen ausleben darf. Nach der Teilnahme und Durchführung mehrerer ‘alternativen’ Larps komme ich zu dem Schluss, dass Larp mehr kann als “erwachsene Männer [und Frauen] mit  Gummischwertern und den Faschingskostümen”, wie dieses Video-Mashup moniert. Mir persönlich reicht es nicht die nächsten Jahren nach dem ein- und denselben Schema zu spielen.

Die Antwort auf die Titelfrage lautet ‘Ja’. Larp als Spielsystem kann dazu dienen gesellschaftliche Probleme zu thematisieren und Raum schaffen für kontroverse Erlebnisse, um die Thematik aus der Perspektive der Betroffenen zu begreifen. In Bereich der Computerspiele ist der Begriff ‘serious games’ auch für sozialkritische Spiele gängig. Die Voraussetzungen ist das Wissen um die Möglichkeit wie man diese Komponente ins eigene Spiel integriert und das Interesse daran. Es wird sich zeigen, ob in Deutschland alternative Larps gespielt werden.

Das war ein weiterer Beitrag in der Reihe ‘Larpforschung’ auf dieser Seite. Der Beitrag für Montag, den 13.08.2012, wird auf die darauf folgende Woche verschoben. Die Großcon-Saison 2012 läuft.

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3 thoughts on “Larpforschung: Kann Larp sozialkritisch sein?

  1. Larp ist Urlaub, Urlaub vom Alltag.
    Was die Avantgarde tut, ist das was die Avantgarde tut. Die haben wir in Deutschland auch und sie wird durch uns und den skandinavischen Einfluss steigen, aber wie das so ist mit “reinen” Kunstformen… das interessiert den Mainstream nicht.
    Wie ich das so schön gerade auf dem CoM gehört habe:
    “Wie weit soll ich denn noch fahren um vor Bubble Tea zu fliehen?” [Als Reaktion auf den Bubble Tea Stand]

    1. Die spannendere Frage ist nicht “Was ist X” sondern ob das Larp hier den Sprung verpasst, um das Potenzial, das ich im Larp sehe, auszufalten und man auf neue, interessante, herausfordernde Cons fahren wird anstatt noch 50 Mal bis zum Tod das gleiche Schema F “Schlachten-Abenteurer-Con”. Jedem das Seine und ich verbiete niemanden was er denken oder tun soll, das ist auch gar nicht notwendig. Jedem das Seine und ich hoffe mit meinen Artikeln die Leute zu erreichen, die Neugier und Kreativität besitzen, etwas Neues zu machen. Es wird Zeit.

  2. Deutschsprachiges Larp ist genau das, was wir auf all den Cons sehen. Der Begriff Larp wird auch genauso an aussenstehende kommuniziert. Aussenstehende fangen mit Larp an, wenn ihnen das hier gespielte Larp anspricht.
    Wenn genau diese Community bezüglich sozialkritischem Larp befragt wird, werden die wenigsten sich etwas darunter vorstellen können und noch weniger Interesse haben. Interesse haben könnten hier Theater und Sozial/Gesellschafts interessierte. Die haben aber an den bisherigen deutschsprachigen Larps wohl kaum interesse. Also muss man andere Leute ansprechen.
    Es gibt durchaus Orgas die einiges neues ausprobieren und in richtung soziales/avantgarde/nordisch Larp gehen.

    Ich hoffe sehr auf solche Spiele in den nächsten Jahren zu treffen und auch selber etwas in die Richtung zu organisieren.

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