H.P. Lovecraft “Notes on Writing Weird Fiction” Deutsche Übersetzung

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During the Cthulhu larp “Das Vermächtnis” (2008). (c) R.B.

Aus Anlass des Todestages des amerikanischen Autors H.P. Lovecraft, habe ich den Aufsatz “Notes on Writing Weird Fiction” heute Abend ins Deutsche übersetzt. An dieser Stelle setze ich das Dokument jedem Leser zur Verfügung, der das Original nicht lesen kann oder will. Das Original ist hier in der umfassenden Online Bibliothek hplovecraft.com zu finden. Inspiriert wurde dieses Vorhaben vom Lovecraft eZine, einem englischsprachigen Magazin, das den Aufsatz heute gepostet hat. Hinweis: Auch wenn es den Lesefluss hindern mag, habe ich aus gattungszuweisenden Gründen den Terminus “weird” nicht übersetzt. Die Satzstruktur wurde so weit wie möglich beibehalten. Ich wünsche dem interessierten Leser eine vergnügliche Lektüre.

“Notizen über das Schreiben von Weird Fiction” (1933) von H.P. Lovecraft

Mein Motiv Geschichten zu schreiben ist die Befriedigung, die aus der klareren und detaillierteren und dauerhafteren Verbildlichung rührt die vagen, flüchtigen, fragmentarischen Eindrücke des Wunderhaften, der Schönheit, und der abenteuerlichen Erwartung festzuhalten, die mir herangetragen werden durch gewisse Eindrücke (szenisch, architektonisch, atmosphärisch, etc.), Ideen, Begebenheiten, und Bilder, die ich in Kunst und Literatur antreffe. Ich wähle “weird stories”, da sie meiner Absicht am besten dienen – eines meiner stärksten und dauerhaftesten Wünsche ist es teilweise die Illusion einer unerklärbaren Aufhebung oder eines Bruches mit den abgequälten Beschränkungen von Zeit, Raum, und den Naturgesetzen zu erreichen, die uns für immer gefangen werden und unsere Neugier scheitern lassen, mehr über den unendlichen Kosmos zu erfahren, der sich jenseits des Horizonts unserer Sicht und Analyse streckt. Diese Geschichten betonen oft Elemente des Horrors, denn Angst ist unsere tiefste und stärkste Emotion. Angst dient dieser Sache am besten, wenn Naturgesetze trotzende Illusionen erschaffen werden sollen. Horror und das Unbekannte oder das Fremde sind immer eng verbunden, so dass es schwierig ist ein überzeugendes Bild zu schaffen, dass erschütterte Naturgesetze oder kosmische Fremdartigkeiten oder das “Äußerste” zeigt ohne das Gefühl der Angst zu betonen. Der Grund weshalb Zeit in so vielen meiner Geschichten eine große Rolle spielt, ist dass dieses Element in meinem Geist lauert, als das hochdramatischste und grauenvoll schrecklichste Ding im Universum.

Obwohl meine gewählte Ausdrucksform des Geschichtenschreibens eine augenscheinlich besondere und vielleicht beschränkte ist, ist sie nichtsdestotrotz eine beharrliche und dauerhafte Form des Ausdrucks, so alt wie Literatur selbst. Es wird immer eine kleine Anzahl von Menschen geben, die das Gefühl der brennenden Neugier gegenüber den unbekannten weiten Räumen kennen, und den brennenden Wunsch verspüren dem Gefängnis des Bekannten und des Realen zu entfliehen, gen den verzauberten Ländern der unglaublichen Abenteuer und der unendlichen Möglichkeiten, die Träume uns öffnen und Dinge suggerieren, Dinge wie tiefe Wälder, fantastische städtische Türme, und brennende Sonnenuntergänge. Unter diesen Menschen sind große Schriftsteller, aber auch unbedeutende Amateure wie ich – Dunsany, Poe, Arthur Machen, M.R. James, Algernon Blackwood, und Walter de la Mare, wären typische Beispiele für Meister in diesem Bereich.

Die Frage, wie ich meine Geschichten schreibe, hat nicht eine eindeutige Antwort. Jede meiner Geschichten hat ihre eigene Historie. Ein oder zwei Mal habe ich buchstäblich einen Traum niedergeschrieben; aber gewöhnlich beginne ich mit einer Stimmung oder einer Idee oder einem Bild, das ich ausdrücken will. Ich drehe es so lange in meinem Geist, bis ich einen guten Weg finde, es in eine Folge von dramatischen Begebenheiten zu setzen, Begebenheiten die in konkreten Begriffen niedergeschrieben werden können. Ich neige dazu durch eine geistige Liste von elementaren Bedingungen oder Situationen zu gehen, die am besten zu solch einer Stimmung oder Idee oder Bild passen, um dann darüber nachzudenken, wie eine logische oder natürliche Begründung der Gegebenheiten des Gefühls, der Idee oder des Bildes auf Grundlage der gewählten gewöhnlichen Bedingung oder Situation gewählt werden kann.

Der eigentliche Schreibprozess ist selbstverständlich so unterschiedlich wie die Wahl des Themas und die ursprüngliche Ideenfindung; aber falls die Historie aller meiner Erzählungen analysiert werden sollte, wäre es wahrscheinlich, dass folgenden Regeln aus einem durchschnittlichen Prozess geschlossen werden würden:

1. Bereite die Synopsis oder ein Szenario aller Begebenheiten in der Reihenfolge wie sie unvermischt auftreten vor – nicht in der Reihenfolge des Erzählens. Fülle deine Beschreibungen ausreichend, dass sie alle wichtigen Schritte abdecken und alle geplanten Begebenheiten motivieren.

2. Bereite eine zweite Synopsis oder ein Szenario aller Begebenheiten vor – diesmal in Reihenfolge des Erzählens (nicht wie sie unvermischt auftreten), mit ausgiebiger Fülle und Detail, und mit zusätzlichen Notizen über die Veränderung in Perspektive, Spannungen, und Höhepunkt. Verändere die ursprüngliche Synopsis, wenn eine Veränderung die dramatische Kraft oder den generellen Effekt der Geschichte verstärkt. Füge ein oder entferne Begebenheiten wie es dir passt – sei niemals gebunden an die erste Eingebung, sogar wenn das finale Ergebnis eine ganz andere Geschichte ist, als diejenige die du zuerst geplant hattest. Füge hinzu oder ändere stetig während dieses vorbereitenden Prozesses.

3. Schreibe deine Geschichte nieder – schnell, flüssig, und nicht allzu kritisch – indem du der zweiten oder ersten Synopsis folgst. Verändere Begebenheiten und den Plot immer wenn der Entstehungsprozess dir eine Veränderung suggeriert, und sei niemals gebunden an einen vorherigen Plan. Falls die Entwicklung plötzlich neue Möglichkeiten eröffnet einen dramatischen Effekt oder einen neuen Abschnitt lebendiger Erzählung eröffnet, füge was du als förderlich erkennst – gehe zurück und passe die früheren Teile an den neuen Plan an. Füge oder entferne ganze Abschnitte, wenn es nützlich oder gewünscht ist, übe dich in unterschiedlichen Anfängen und -Enden bis das beste Arrangement gefunden ist. Versichere dich jedoch, dass alle Bezüge durch die Geschichte gründlich mit dem letzten Plan abgestimmt sind. Entferne alle möglichen Überflüssigkeiten – Worte, Sätze, Abschnitte, oder ganze Episoden oder Elemente – und sei wachsam alle Bezüge mit den Änderungen abzustimmen.

4. Überarbeite den gesamten Text, achte auf Wortwahl, Satzbau, Rhythmus der Prosa, die Proportionen der Teile, Feinheiten des Tons, Anmut und Überzeugung oder Überleitungen (Szene zu Szene, langsame und detaillierte Handlung zur schnellen und skizzierten, zeitübergreifenden Handlung und umgekehrt … etc., etc., etc.), Wirkungsgrad des Beginns, des Schlusses, Höhepunkte, etc. dramatische Spannung und Interesse, Glaubwürdigkeit und Atmosphäre, und zahlreiche andere Elemente.

5. Bereite eine korrekt geschriebene Fassung vor – und zögere nicht letzte Verbesserungen zu tätigen, wenn sie angebracht sind.

Den ersten dieser Schritte ziehe ich oft rein geistig durch – ich arbeite in meinem Geist durch eine Reihe Bedingungen und Geschehnisse und höre nie auf, bis ich bereit bin eine detaillierte Synopsis der Geschehnisse in Folge des Erzählens vorbereiten zu können. Dann beginne ich mit dem eigentlichen Schreiben, oft bevor ich weiß, wie ich die Idee entwickeln sollte – ein solcher Anfang führt zu einem Problem, das motiviert und ausgenutzt werden muss.

Es gibt, denke ich, vier unterschiedliche Arten einer „weird story“; eine drückt die Stimmung oder ein Gefühl aus, die andere drückt eine bildliche Eingebung aus, eine dritte drückt eine gewöhnliche Situation, Bedingung, bekannte Legende, oder intellektuelle Eingebung, und eine vierte legt ein eindeutiges, lebendiges Bild oder eine bestimmte, dramatische Situation oder einen Höhepunkt nieder. Auf eine andere Weise, können „weird tales“ in zwei grobe Kategorien gelegt werden – diejenigen, in der das Wundersame oder der Horror eine Bedingung oder ein Phänomen betreffen, und diejenigen, die die Handlung von Personen in Bezug zu bizarren Bedingungen oder Phänomenen setzen.

Jede „weird story“ – um explizit das Subgenre des Horror zu nennen – scheint fünf unterschiedlichen Elementen einzubeziehen: (a) einen gewöhnlichen, unterschwelligen Horror oder eine Außergewöhnlichkeit  – Bedingung, Entität, etc. –, (b) ein gewöhnlicher Effekt oder Einfluss des Horror, (c) die Art und Weise der Manifestation – ein Objekt, das den Horror oder das Phänomen beinhaltet –, (d) die Arten von Furcht als Reaktion auf den Horror, und (e) die spezifischen Auswirkungen des Horrors in Bezug auf die gegebenen Bedingungen.

Wenn ich eine „weird story“ schreibe, versuche ich immer die richtige Stimmung oder Atmosphäre sehr sorgfältig zu erreichen, und lege den Schwerpunkt wo er hingehört. Man kann nicht, außer vielleicht in unreifer Trivialliteratur einiger Scharlatane, unmögliche und unwahrscheinliche oder unbegreifliche Phänomene als eine Erzählung von zielgerichteten Handlungen und konventionellen Emotionen darstellen. Unbegreifliche Handlungen und Bedingungen haben einen besonderen Nachteil, den man bewältigen muss, und dies kann man nur erreichen, wenn man einen sorgfältigen Realismus in jeder Phase der Geschichte aufrechterhält, außer in der Phase wenn das Wundersame berührt wird. Das Wundersame muss sehr eindrucksvoll und bedacht behandelt werden – mit einem sorgfältigen emotionalen „Aufbau“ – ansonsten wird es flach und nicht überzeugend wirken. Als das wichtigste Element in der Geschichte, sollte seine Existenz allein die Charaktere und Handlungen in den Schatten stellen. Jedoch sollten die Charaktere und Handlungen konsistent und natürlich wirken, außer wenn sie das eine Wundersame berühren. Auf das zentrale Wunder sollten die Charaktere mit den gleichen überwältigenden Emotionen reagieren, die ähnliche Charaktere im wirklichen Leben gegenüber solch einem Wunder zeigen würden. Ein Wunder sollte nie selbstverständlich sein. Auch wenn es scheinen sollte, dass die Charaktere an das Wunder gewöhnt sind, versuche ich den Hauch von Ehrfurcht und Eindruck einzuflechten, den der Leser fühlen sollte. Ein lockerer Stil ruiniert jegliche ernstgemeinte Vorstellung.

Atmosphäre, nicht Handlung, ist das wichtigste Desideratum der „weird fiction“.

In der Tat, alles, was eine Wunder-Geschichte jemals sein kann ist ein lebendiges Bild eines bestimmten Typus der menschlichen Stimmung. In dem Moment, wenn es etwas anderes versucht zu sein, wird es billig, infantil und nicht überzeugend. Den größten Schwerpunkt sollte man auf die subtile Suggestion legen –  unbemerkbare Hinweise und leichte Berührungen legen Details aus, die Schattierungen von Stimmungen ausdrücken und vage Illusionen von einer merkwürdigen Realität des Irrealen aufbauen. Vermeide kahle Anhäufungen von unglaublichen Geschehnissen, die nicht fähig sind Substanz oder Bedeutung zu schaffen, da sie nur eine Wolke von Farben und Symbolismen aufrechterhalten.

Dies sind die Regeln oder Grundlagen, denen ich – bewusst oder unbewusst – gefolgt bin, seit ich mich das erste Mal ernsthaft an das Schreiben von fantastischer Literatur versucht habe. Ob meine Ergebnisse erfolgreich waren, kann gerne bestritten werden – aber ich fühle wenigstens die Gewissheit, dass falls ich die genannten Überlegungen in den vorherigen Paragraphen ignoriert hätte, diese viel schlimmer geworden wären als sie es sind.

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Falls Sie diese Übersetzung in ihrem Aufsatz oder Ihrer Arbeit zitieren möchten:

Lovecraft, H.P. (1933). Notes on Writing Weird Tales. Online: http://www.hplovecraft.com/writings/texts/essays/nwwf.aspx. Übersetzt von Bienia, R. (15.3.2014). Online: https://bienia.wordpress.com/2014/03/15/h-p-lovecraft-notes-on-writing-weird-fiction-deutsche-ubersetzung

Eine PDF des Dokuments können Sie hier beziehen: Lovecraft Essay Über das Schreiben von Weird Fiction DT (150 KB)

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